08 Jan

Klare Veränderung

Hilfe zur Selbsthilfe bei Veränderungen gibt es überall. Gerade habe ich z.B. „Instead of Goals or Resolutions, Try Creating Rules“ von Lea Babauta gelesen. Der Artikel hat mir in seiner Klarheit gefallen: Vorsätze wie „Ich will bewusster leben!“ sind gut – aber schon bald wenig kraftvoll. Besser ist es, eine Verhaltensregel zu haben wie „Nach dem Aufstehen gehe ich ins Bad und dann meditiere ich 10 Minuten.“

Was aber macht diesen Tipp so nützlich?

Da ist natürlich die Verbindung einer zielführenden Handlung (hier: meditieren) mit einer schon existierenden Gewohnheit (hier: morgendliches Aufstehen) mittels eines ganz konkreten Triggers (hier: nach dem Badezimmergang). Das entspricht der Empfehlung von B.J. Fogg’s Behavior Model, neue Gewohnheiten an alte zu knüpfen. Auf diese Weise erinnern Sie sich erstens ganz leicht an den Vorsatz und zweitens ist ihm konkrete Zeit in einem ansonsten schon vollen Tag eingeräumt.

Das ist ein sehr probater Ansatz für neue Gewohnheiten, seien sie klein oder groß. Nicht alle Veränderungen drehen sich jedoch um den Aufbau neuer Gewohnheiten. Was ist mit der Pension am Meer, die jemand aufmachen möchte? Was ist mit dem Buch, das jemand endlich schreiben will? Was ist mit der Einführung eines neuen Vorgehensmodells für die Projektarbeit?

Einerseits lassen sich auch solche Veränderungen in Gewohnheiten verwandeln. Für alle braucht es ja zumindest Zeit, in der Sie sich mit ihnen beschäftigen. Besser diese Beschäftigung findet (gerade am Anfang) gewohnheitsmäßig statt. Dafür müssen Sie in Ihrem Kalender Platz schaffen.

Doch auch dann fehlt noch etwas, das Leo Babauta mit seinen Regeln für Vorsätze erreichen will. Dies deutlich herauszuarbeiten, scheint mir wichtig, um Veränderungen ganz allgemein besser vorzunehmen.

Das Muster hinter Regeln

Die geheime Zutat in Babautas Regel-Rezept und B.J. Foggs Behavior Model ist… Klarheit.

Veränderungswille stolpert einfach zu oft über die Hürde Unklarheit. Was tun? Wann tun? Wie tun? Wo tun? Wie viel tun? Ach, ach, so viele Fragen, so wenig Zeit. Die Unsicherheit lauert bei Veränderungen einfach überall. Ständig befinden Sie sich im Nebel.

Und genau da setzen diese Empfehlungen an: Definieren Sie genau, wann (Trigger) Sie wo (z.B. im Wohnzimmer) was (z.B. meditieren) wie lange (z.B. 10 Minuten) tun.

Einsicht und grundsätzliche Motivation sind bei vielen Veränderungsvorhaben nicht das Problem. Regelmäßig Yoga zu machen, fördert die Gesundheit. Da gibt es wohl keine zwei Meinungen. Und das neue Vorgehensmodell würde die Projektarbeit effizienter machen. In Ihrem Kopf sind die Vorteile Ihres Veränderungsprojektes klar – der Widerstand lauert woanders.

Abgesehen von Widerständen der Umwelt und widersprüchlichen eigenen Zielen sind es oft Unklarheiten und Unsicherheiten über den nächsten bzw. die wiederkehrenden Schritte, die verhindern, dass Veränderungen beginnen und anhalten.

Veränderung ohne Klarheit kommt schnell ins Stocken (oder ergeht sich in verschwenderischem Aktionismus). Deshalb ist es von größter Bedeutung, dass Sie stets maximale Klarheit empfinden. So viel Klarheit wie möglich, so wenig Unsicherheit wie unvermeidbar.

Klarheit erforschen

Die Klarheit zu maximieren ist natürlich leichter gesagt als getan. Was können Sie tun Zunächst einmal können Sie klären, was Sie ganz einfach klären können.

Worüber haben Sie denn Entscheidungshoheit? Über Ihre Zeit. Deshalb habe ich empfohlen, der Veränderung deutlichen Platz im Kalender zu geben. Deshalb hängt B.J. Fogg seine tiny habits an existierende Gewohnheiten und begrenzt das Neue stark im Umfang.

An eine konkrete Zeit knüpfen Sie dann einen konkreten Ort.

An Ort und Zeit knüpfen Sie konkreten Inhalt; zu einem klaren Wo und Wann tritt also noch ein klares Was und Wie.

Und genau da unterscheidet sich Ihr Veränderungsprojekt wahrscheinlich von den Beispielen bei Babauta & Co. Regeln wie „Nach dem Aufstehen gehe ich ins Bad und dann meditiere ich 10 Minuten.“ klingen so einfach, weil das Was und Wie für das Ziel auf der Hand liegt. Viele neue Alltagsgewohnheiten scheitern an unklarem Wann und Wo und zu großem Was und Wie. Damit räumen tiny habits auf. Wunderbar!

Doch wenn Sie sich für ein Wann und Wo entschieden haben, stehen Sie womöglich immer noch mit der Unsicherheit in Bezug auf Was und Wie da. Was können Sie tun, um dazu mehr Klarheit zu bekommen?

Mir scheinen zwei Strategien möglich:

  • Experiment: Wenn Sie eine Liste von Alternativen für Was bzw. Wie haben, wählen Sie (per Zufall) irgendeine aus und füllen damit Ihr Wann und Wo. Damit kommen Sie erstens ins Handeln; das ist wahrscheinlich befriedigender als Grübeln. Damit generieren Sie aber vor allem Information. Sie sehen, ob Ihre Wahl die Veränderung vorangebracht hat oder nicht. Es entsteht ein Kontrast, das ist größere Klarheit.
  • Analyse: Sie machen das Ausräumen Ihrer Unsicherheit zu Ihrem Was. Warum ist Ihnen nicht klar, was sie eigentlich tun sollten? Warum können Sie sich nicht zwischen schon sichtbaren Alternativen entscheiden? Vielleicht finden Sie heraus, dass es Ihnen noch an einem klaren Zweck fehlt? Vielleicht entdecken Sie Furcht vor Widerständen in der Umwelt? Was auch immer, Sie generieren Informationen, also Klarheit.

Mit beiden Strategien werden Sie also zum Forscher in Sachen Klarheit, einmal handelnd, einmal denkend. Einmal machen Sie schon potenziell einen Fortschritt. Einmal halten Sie inne, um sich zu orientieren.

Aber Achtung: Auf beiden Wegen geht es nicht darum, Perfektion anzustreben! Ein Experiment kann schiefgehen. Für eine vollständige Analyse fehlen womöglich Ressourcen. Seien Sie deshalb mit good enough zufrieden. Richten Sie sich besser in der Vorläufigkeit ein. Die Maxime sollte lauten: progress over perfection.

Für mich sind das zwei sehr klare Maßnahmen im Angesicht von Unklarheit.